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Politik 2.0: Ein Gespräch mit Ulrich Commercon

Die politische Vermittlung wird sich in Zukunft verstärkt auf das Internet konzentrieren. Einmal, weil die Medien Fernsehen, Radio und Print zusammenwachsen werden und zum anderen, da die direkte Kommunikation mit dem Wähler noch nie so einfach zu organisieren war wie durch Social Media. Ulrich Commercon ist Landtagsabgeordneter der SPD und der bekannteste saarländische Polittwitterer. Ich durfte mich mit ihm bei einem Kaffe in seinem Büro treffen und über Politik im Netz reden, sowie seiner eigenen persönlichen Einstellung zur Politikvermittlung im Internet. Kurz zum Werdegang: Am Anfang stolpern wir ein wenig über die Phänomene Twitter und Facebook und unterhalten uns dann über die politische Vermittlung im Netz. Meine Wenigkeit ist fett gedruckt! Warum twittern Sie als Politiker? Weil ich das für den modernen Infostand halte. Mit Infostand meine ich die direkte Kommunikation mit Bürgerinnen und Bürgern. So wie man bei Wahlkämpfen einen Infostand macht und einen unmittelbaren Kontakt hat, so ist das mit Twitter. Haben Sie schon einmal etwas falsches getwittert, was sie dann bereut haben? Denn: Sie stehen ja als Landtagsabgeordneter unter besonderer Beobachtung! Ich habe das schon einmal gedacht, aber es hat sich bisher noch nicht besonders bewahrheitet. Ich twittere natürlich auch mal Dinge, die ich so im Interview nicht sagen würde. Das Problem dabei ist nicht die Twittergemeinde, die versteht, was ich meine. Schwierig ist es, wenn Journalisten, die selbst nicht mit dem Medium Twitter vertraut sind versuchen würden diese Tweets umzulegen. Twitter in der politischen Kommunikation: Sollten mehr Politiker Twittern? Ob sie twittern sollten weiß ich nicht. Twitter ist schon etwas, was zu einem passen muss. Ich halte es für schwierig die Kommunikation auf eine Plattform zu konzentrieren. Aber Web 2.0 wird in der Politik immer wichtiger und in der nächsten Runde der Wahlkämpfe von einer großen Bedeutung sein. Wahrscheinlich dann auch Twitter … … wahrscheinlich auch Twitter, oder das, was in fünf Jahren daraus geworden ist. Ich glaube, dass Twitter noch einmal ganz neue Dimensionen bekommen wird. Welche sind das? Ja, wenn ich das wüsste würde ich keine Politik machen sondern Webentwicklung (lacht). Twitter ist ein schnelles Kommunikationstool. Könnte es sein, dass immer noch viele Politiker Twitter gegenüber skeptisch sind, weil sie nicht die kommunikative Feinmotorik besitzen? Dieses Feingefühl ist auch deswegen so wichtig, da man als bekannter Politiker von mehreren tausend Leuten ständig unter Beobachtung steht. Besteht hier ein spezieller Kommunikationsleistungsdruck? Ich glaube, dass es nicht medienspezifisch ist. Im Prinzip gibt es kein Unterschied zwischen Twitter und einem O-Ton, dem ich einen Journalisten gebe. Und außerdem: beim Twittern kann ich durchaus denken. Wie würden Sie den Begriff des Social Webs unter politikwissenschaftlichen Gesichtspunkten nutzen? Ungefilterte Informationen zu bekommen und selber so weiter zu geben. Ich habe dadurch keine vermittelte Kommunikation sondern unmittelbare Kommunikation. Das ist auch einer meiner Hauptgründe, warum ich twittere. Eben wie am Infostand mit den Bürgern zu reden. Ansonsten sind wir auf die Vermittlungen Dritter angewiesen, die kommentieren, in Kontexte stellen, die ich mir selbst nicht aussuchen kann. Ein gutes Beispiel ist: Ich nutze auch Facebook und hatte immer alle Tweets automatisch auf Facebook weitergeleitet, was irgendwann völlig absurd wurde, weil es bei Twitter einen wieder herstellbaren Kontext gibt, den ich natürlich bei einer Automatisierung auf Facebook gar nicht hinkriege. Das sorgt für immense Missverständnisse. Deswegen nutze ich jetzt Selective Twitter und entscheide, was auf Facebook erscheinen soll und was nicht. Sie sehen also einen deutlichen Unterschied in der Nutzung von Twitter und Facebook? Die Facebook-Community suche ich mir aus. Das ist eine geschlossene Community, in der ich viel mehr steuern kann wer das liest. Facebook ist auch viel starrer in den Kommunikationsvorgaben… … wieso starrer? Mmh, ja es klingt eigentlich sehr widersprüchlich. Der Vorteil bei Twitter ist, dass ich durch relative wenig Technik einen schnellen Austausch herstellen kann, sogar mit Videos oder Bildern. Auch das Feedback ist weniger standardisiert als bei Facebook. Während es bei Facebook die „Gefällt mir“ – Buttons sind, ist das Feedback bei Twitter viel flexibler, letztendlich aber auch flüchtiger. Welche Rolle sollten die Parteien im Social Web in Zukunft einnehmen und inwiefern sehen Sie die Parteien im Web etabliert – bei Ihnen vielleicht unter dem Beispiel der SPD? Im Social Web werden Parteien weiterhin auftreten müssen. Ich habe jetzt im Wahlkampf gemerkt, dass Twitter für Parteien als anonyme Organisationen nicht das geeignete Medium ist. Der Vorteil von Twitter ist Authentizität; die habe ich aber nicht, wenn während des Landtagswahlkampfes spdsaar, pmt09 oder wmteam09 twittern. Das ist zu anonym, auch weil man dann im Endeffekt neigt zu parolenhaft zu agieren. Ich glaube Parteien werden das eher für interne Kommunikation zu nutzen haben und ansonsten als Hohlkommunikation, aber die aktive Kommunikation nach außen hin halte ich für wenig effektiv- nicht effektiver zumindest als Plakate oder Radispots. Ich bin davon überzeugt, dass während des Wahlkampfes manche Tweets eher geschadet haben als genützt haben… … zum Beispiel? Ganz schlimm ist dieses gegenseitige Fertigmachen. Pmt09 und wmteam09 haben sich im Wahlkampf als anonyme Accounts ständig denunziert. Ich glaube nicht, dass das angemessen war. Das kam bei den web-affinen Lesern eher negativ rüber. Ich hatte dieses Phänomen in den letzten Wochen intern kommuniziert und glaube, dass es dann bei uns auch etwas nachgelassen hatte. Anonym twittern verführt natürlich, weil es mehr oder weniger anonyme Accounts sind – zumindest nicht personengebunden. Man kann Twitter als Partei nutzen, fände es dann als Informationsangebot wirklich effektiv; mit durchaus witzigen Kommentaren oder dem gegenseitigen Hochnehmen. Aber dieses „bashing“, was da stattgefunden hat, ist eher kontraproduktiv. Ich glaube ohnehin, dass es generell nicht wirklich produktiv ist auf Plakaten zu sagen „Die CDU ist doof“ – das bringt herzlich wenig. „Die SPD ist doof“ natürlich noch viel weniger. (lacht) Mal weg von Twitter. Was könnten weitere, ich nenne sie jetzt mal Tools, sein, die Parteien im Web nutzen sollten? Ganz zentral halte ich die Möglichkeit der Information über Politikinhalte als Serviceangebot und der Bürgerbeteiligung sehr wichtig. Jetzt mal von mir ausgehend: Ich war während des Wahlkampfes Vorsitzender der Programmkommission, also der Kommission, die das Regierungsprogramm erstellt hat. Wir haben über ein Blog die Erstellung des Programms organisiert. Das heißt, es gab einen Rohentwurf, der in einem Weblog öffentlich gemacht worden ist, bevor die Partei auf einem Parteitag darüber abgestimmt hat. Alle Interessierten hatten da die Möglichkeit das Programm öffentlich zu kommentieren, konnten Gegenvorschläge machen, konnten Rückfragen schreiben… … jeder? Jeder! Ohne Account? Ohne Account. Wir haben eine Freischaltung gemacht, um rechtsradikale Propaganda zu unterdrücken und einen Spamfilter eingesetzt. Abgesehen davon haben wir jeden Kommentar veröffentlicht. Hat es funktioniert? Ja, wir haben in der Tat über viele Anregungen in den Sitzungen diskutiert, die letzten Endes auch mit integriert wurden. Was findet denn Parteiintern statt. Gibt es noch Politiker, die noch nicht verstanden haben, welchen „Impact“ das Internet bereits hat und einmal haben wird? Zurzeit halte ich Fernsehen noch für bedeutender was Politikvermittlung angeht. Irgendwann wird man zwischen Internet und Fernsehen nicht mehr trennen können, weil es zusammenwachsen wird. Ich glaube, dass es keine Defizite gibt, was die Aufgeschlossenheit bei den Politikern angeht. Natürlich gib es ältere Politiker, die noch Probleme haben. Das ist jedoch ein Spiegel der Gesellschaft und kein Politispezifikum. Eher würde ich sagen, dass wir in der SPD von den Ressourcen her und gemessen an der realen Zielgruppe im Netz, ein etwas zu großes Gewicht auf den Onlinewahlkampf gelegt haben. Aber das ist eben so. Wenn man versucht avantgardistisch zu sein verschleudert man auch Ressourcen – das ist völlig normal. Auf Sie gestoßen bin ich ja durch Christof Burgard, mit dem Sie auf Abgeordnetenwatch.de ein ihm wichtiges Anliegen klären konnten. Was halten Sie von dieser Plattform? Abgeordnetenwatch.de halte ich für entbehrlich und sehr bedenklich. Aktiv betrieben habe ich Abgeordnetenwatch.de nicht, weil diese Plattform genau das nicht hat, was Web 2.0 ausmacht. Es ist nämlich genau gesteuerte Kommunikation über eine nicht unabhängige Plattform. Was heißt das? Abgeordnetenwatch.de hat erstmal ein seltsames Geschäftsmodell, weil die Betreiber zwischen Premium-Accounts und Standard-Accounts differenzieren. Ein Politiker, der bereit ist Geld zu bezahlen, bekommt eine höhere Priorisierung, sein Bild wird mit eingestellt, auch sein Lebenslauf, steht weiter oben, etc. Wobei die Summe nicht erheblich ist – die spielt per se auch keine Rolle; ich halte es allein vom Grundsatz her für falsch. Daher habe ich auch abgelehnt zu zahlen, wurde trotzdem relativ hoch gerankt, weil ich die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger ernst nehme. Indem ich sie auf meine E-Mail, meinen Twitter-Account oder Facebook verwiesen habe, konnte ich die Leute direkt von dieser Plattform weg bekommen. Abgesehen von der Finanzierungsidee, was halten Sie von der generellen Idee der Plattform? Ich halte generell nichts davon, weil es der Versuch ist hier wieder steuernd einzugreifen. Es ist der Versuch, das ganze an sich zu ziehen. Und der Vorteil von Twitter ist, dass keiner etwas an sich ziehen kann, sondern jeder autonom entscheidet: Wen ich nicht kontaktieren will fliegt raus, den blocke ich; habe ich bis auf ein paar Pornomädels bisher nicht gemacht aber ich könnte und habe die Möglichkeit dazu. Um am Beispiel Abgeordnetenwatch.de zu bleiben: Die rufen auch an, üben einen gewissen „Druck“, dass ich Geld bezahlen soll. Meiner Meinung nach sollte man nicht dafür bezahlen auf einer politischen Kommunikationsplattform durch Geld höher priorisiert zu werden. Also: Ich rutsche weiter nach oben, wenn ich der Plattform auch noch Geld bezahle. Und Sie meinen, das geht nicht? Ja. Zudem ist auf Abgeordnetenwatch.de auch sofort zu sehen, dass sich die NPD dort sehr stark getummelt hat – also ich bin da sehr skeptisch, was diese Plattform angeht. Im übrigen glaube ich auch nicht, dass solch eine Plattform überleben wird. Alles was man da machen kann, kann man auf Twitter dreimal besser und unmittelbarer machen. Also wer wirklich etwas von mir will, twittert mir oder schickt mir eine E-Mail, die sowieso den größten Teil meiner Kommunikation ausmacht. Die Bürgern sollten sich ja nicht wegen jeder Angelegenheit im Web entblößen. Thema Rationalitätenfalle: Da habe ich letztens einen Tweet gelesen: “Brauche Twitter-Aushilfskraft, komme immer seltener dazu…“ – Ist das der Weg? Ist das Wünschenswert? Das war HappyBuddha… … ja genau! Nein, da habe ich den Kollegen auch immer abgeraten. All diejenigen, die jetzt in der Politik zumindest mal twittern, sollten das authentisch tun und keine Ghosttwitterer haben. Stichwort Obama! Ja, halte ich für fast skandalös, weil er vorher immer behauptet hat er twittere selbst und ein Jahr nach der Wahl sich heraus stellt, er tut es gar nicht. Ist das Etikettenschwindel? Der Etikettenschwindel an der Stelle besteht darin, dass er den Eindruck erweckt hat zu twittern. Er wurde mit dem Blackbarry in der Hand immer so dargestellt. Das halte ich für schwierig und es gibt eine ganz einfache Parallele dazu: Ein Politiker würde sich auch nicht dabei filmen lassen, wie er vor dem Computer sitzt und eine Pressemitteilung schreibt. Eine Pressemitteilung schreibt natürlich die Pressestelle, was ich als Rezipient aber auch weiß. Das heißt, wenn da ein Zitat in der Zeitung steht dann weiß der Journalist und der Zeitungsleser, dass dahinter eine Pressemitteilung steckt. Er erwartet nicht, dass der Politiker das wirklich gesagt hat, aber er weiß es wurde von ihm autorisiert. So wie sich manche dennoch hinstellen mit einem Handy in der Hand und so tun als würden sie aktiv twittern, vermitteln den Eindruck es selbst zu tun. Ich twittere auch selber, werde das auch so gut es geht tun. Wenn ich es nicht mehr zeitlich schaffen sollte, dann würde ich es dem entsprechend kennzeichnen. Kann man das also als politischen Etikettenschwindel bezeichnen, wenn ein Politiker twittert, obwohl er nicht twittert? Oder geht das zu weit? Das ist eine zu moralische Verurteilung. Ich würde eher umgekehrt argumentieren: Es bekommt einem Politiker besser, wenn er wirklich selbst authentisch twittert – das merken die Leute auch meistens. Ich will jetzt keine Beispiele nennen – aber man merkt das schon. Ich kann den Politikern nur raten: Twittert selbst oder lasst es bleiben! Wenn nicht, dann soll es auch so kommuniziert werden! Es geht um Symbolpolitik: Politik inszeniert gerne, was werteneutral im Raum stehen soll. Nun sind alle Fotos und Videos im Internet unter ständiger Beobachtung von tausenden von Usern. Ist im Web eine höhere Vorsicht geboten? Muss man mehr darauf achten, was man im Web politisch inszeniert? Stößt die Politik im Netz eher auf Grenzen, was die glaubhafte Inszenierung angeht – mehr als im Fernsehen? Ja. Ich glaube erstmal, dass es hier keinen Unterschied gibt zum Fernsehen. Die Leute haben früher gemerkt und merken heute, wenn etwas schlecht inszeniert ist, oder sogar Fake. Sind aber nicht die Folgen im Netz schlimmer, weil eben jeder direkt kommentieren kann und Links versenden? Ja. Es ist zwar alles etwas schneller und geschieht direkter, doch brauchen wir uns nichts vormachen. Politiker werden lernen müssen mit dem Medium umzugehen und Sicherheitsmechanismen einbauen, das solche Fehler wie Sarkozy als Mauerspecht eben nicht passiert. Das, was er getan hat war furchtbar peinlich, aber er wird daraus gelernt haben. Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: Wir kennzeichnen, wo wir inszeniert haben und wo nicht, denn die Leute merken das im Endeffekt sowieso. In der Werbung wissen alle, dass es inszeniert ist, da braucht man keinen mehr darauf aufmerksam zu machen. Lächerlich wird es da, wo man so tut als wäre es echt und spontan und in Wahrheit ist es einstudiert und hier behaupte ich, dass die Leute ein Gespür dafür haben. Natürlich gibt es Grenzfälle, aber das ist klar. Wie oft ich schon über einem Papier gebeugt scheinbar lesend gefilmt wurde, weil das Fernsehen einen arbeitenden Abgeordneten zeigen wollte. Die Grenzen sind fließend, aber meiner Meinung nach gibt es da keinen grundlegenden Unterscheid zwischen dem Internet und den klassischen Medien. Muss man aber im Netz mit der Inszenierung nicht feinfühliger umgehen? Ja, das glaube ich schon, dass man feinfühliger sein muss… (bricht ab) … ich würde es gar nicht so ausdrücken. Das würde ja bedeuten, dass man besser inszenieren muss, dass es gar nicht mehr nachvollziehbar sein muss… … Ich glaube ja, das meine ich! Das geht aber von folgendem Politikerbild aus: „Politiker lügen sowieso immer und jederzeit“. Nicht unbedingt, symbolische Politik ist ja nicht immer negativ konnotiert. Meine These ist: Symbolpolitik muss im Web „feinmotorischer“ werden, da zu jederzeit überall Menschen in der Lage sind z. B. ein Video wieder und wieder zu schauen, sofort recherchieren zu können und andere schnell und unverbindlich in die Diskussion einbeziehen können. (Stichwort kollektive Intelligenz). Ich würde den Parteien einen anderen Schluss nahelegen: Dort wo ich nicht inszeniere sondern versuche authentisch zu sein, da muss ich es auch sein. Schwierig wird es, wo ich vorgebe es zu sein aber nicht bin. Das hat allerdings nichts mit dem Internet zu tun. Natürlich wird alles mehr beobachtet und die Gefahr erwischt zu werden wird höher, doch diese Gefahr gab es aber früher auch. Außerdem wird es in der Politik immer Menschen geben, die glaubwürdig sind oder nicht. Ja das stimmt. Doch glaube ich, dass man das früher eher unter den Tisch kehren konnte. Das Internet ist eine Art kommunikativer Resonanzverstärker – wenn etwas passiert, dann schwingt es noch extremer als vorher. Richtig, und für sehr bedeutend halte ich hier das Beispiel Rüttgers und die Äußerungen über die Rumänen während des Wahlkampfes in Nordrhein-Westfalen. Das wäre vor 10 Jahre völlig unproblematisch gewesen, weil es eine sehr überschaubare Gruppe gewesen wäre. Er wusste, was er vor dieser Zielgruppe zu sagen hatte, um seine Anhänger zu puschen, also sprach er deren Instinkte an. Er wusste aber nicht, dass er dabei gefilmt wird. Diese Rede hätte er ja nie vor dem Bundesverband der Deutschen Industrie gehalten. Es gibt von Frau Kristina Köhler auch die ersten Geschichten, was sie im Roland Koch Wahlkampf gesagt hat. Man wird eben mehr beobachtet, aber das ist Demokratie und eigentlich eine gute Entwicklung. Müssen Inhalte im Netz zugespitzter und provokanter formuliert werden, um Gehör zu finden? Zugespitzter als das zurzeit der Fall ist oder als es bei den klassischen Medien bisher der Fall war? Die Frage bezieht sich auf beides! Erstes ja und zweites nein! Im Gegenteil, ich habe sogar die Chance abgestufter zu kommunizieren, weil ich keine Kapazitätsprobleme mehr habe, und kann sehr viel tiefere in Diskussionen gehen. Klar, eine Headline ist wie bei einer Pressemitteilung auch wichtig, um bei einer oberflächlich orientierten Gruppe eine Botschaft zu erzielen. Die Interessierten haben jedoch die Chance im Web viel weiter in die Tiefe zu gehen als das bisher möglich war. Also nein ich glaube nicht, dass es zugespitzter und provokanter sein muss. Ich argumentiere jetzt einfach mal dagegen. Es gibt ja das Phänomen des viralen Marketings. Die Doktorarbeit von Martin Oettinger veranschaulicht das mit dem Titel schon ganz gut „The Ripple Effect“ – ein Effekt, der entsteht, wenn man einen Stein in Wasser schmeißt. Er löst Wellen aus, die weitergetragen werden. Je größer der Stein desto größer die Wellen, die natürlich weiter in die Ferne getragen werden. Muss nicht gerade im Web die Formulierung als „Stein“ einschlägig sein, damit andere motiviert sind darüber zu reden? Ein größerer und schwerer Stein spritzt auch höher und hebt sich aus der Kommunikationswassermasse hervor. Ich glaube nicht, dass Zuspitzung im engeren Sinne wirklich weiter hilft. Ich erkläre gerne an Beispielen aus meiner Erfahrung. Als Politiker bin ich in der saarländischen Twitterszene sehr bekannt und habe eine relativ hohe Followerzahl, nicht auf Stelle eins aber so unter den top fünf. Obwohl ich nicht die meisten Follower habe wage ich zu behaupten, dass, was die enge saarländische Twitter-Community angeht, ich schon daher an Platz eins stehe, weil ich wirklich twittere, was die anderen nicht tun, und weil ich verstärkt versuche interaktive Kommunikation mit Fragen und Antworten herzustellen, um wirklich damit Dinge anzuleiern, zu bewegen und Leuten konkret dadurch zu helfen. Gelingt nicht immer aber zumindest setze ich mich dafür ein. Es kommt nicht auf die Zahl der Follower an. Meine Follower sind zum größten Teil Leute, die hier aus dem Saarland kommen, hier aktiv und auch an Politik interessiert sind. Es sind keine Fans oder SPD-Aktivisten aus dem übrigen Bundesgebiet. Mein Anliegen ist es Follower aus dem Saarland zu haben. Das sorgt dafür, dass ich oft retweetet werde und relativ gut gelistet bin. Ich kann also davon ausgehen, dass ich eine gute Reichweite habe. Was ich damit sagen will ist, dass die Zuspritzung nicht der Punkt ist. Ich bin jetzt mal nur bei Twitter, aber ich denke auch, das kann man auf andere Medien übertragen. Es geht um Nachhaltigkeit. Das bedeutet, ich will es schaffen immer glaubwürdig zu sein, so dass die Leute merken sie haben auch wirklich etwas davon und da passiert auch anschließend etwas. Durch eine Zuspitzung könnte ich bestimmt kurzfristig erreichen über eine kurze Zeit viele Follower auf einmal anzuziehen. Aber das bringt mir nichts. Mir bringen die Follower viel mehr, die mir treu bleiben, meine Tweets wirklich lesen und sie dann weitergeben. Und hier ist natürlich der Stein wichtig, der ins Wasser geworfen wird, damit Botschaften weiter getragen werden, also Mundpropaganda. Ich halte jedoch nichts von der Zuspitzung im engeren Sinne… Das ist vielleicht ein Element, das man nutzen kann, aber ich würde es nicht so stark nutzen. Vielen Dank für das Gespräch!

6 Responses

  1. Original: Politik 2.0: Ein Gespräch mit Ulrich Commercon http://clemensweins.de/blog/?p=772

  2. happy-buddha sagt:

    Ein sehr interessantes Interview.

    PS: Mein Tweet wahr eher ironisch gemeint ;O)

  3. Klar doch 😉 – der Tweet hat nur gut gepasst an der Stelle …

  4. […] sind ja die Menschen, die auch wirklich was von Dir wissen wollen. Das ist ja fast so etwas wie ein “Infostand des 21. Jahrhunderts”. Auch @ApfelMuse schien das so zu gefallen, dass ein Politiker das mal Ernst nimmt und sich […]

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